25/09/2025 0 Kommentare
Unten angekommen
Unten angekommen
# Ho Impulse

Unten angekommen
Bei meinem letzten Besuch in Hamburg bin ich durch den Alten Elbtunnel gelaufen. Das ist, wie der Name schon sagt, ein Tunnel, der unter der Elbe hindurch führt und St. Pauli mit der Elbinsel Steinwerder verbindet. Mehr als 100 Meter unter der Elbe.
Der Einstieg ist an den historischen Landungsbrücken gelegen. Von da geht es über Treppen oder mit einem der historischen Aufzüge hinab in die Tiefe.
Unten angekommen laufe ich durch den Tunnel. Ein bisschen mulmiges Gefühl habe ich schon, wenn ich mir vorstelle, dass über mir Boote und Containerschiffe fahren. Nach 10 Minuten bin ich auf der anderen Seite und bin heilfroh, wieder in den Aufzug nach oben zu steigen (für die Treppen nach oben bin ich zu faul). Endlich wieder echte Bodenhaftung. Ich genieße den Ausblick auf die Stadt, auf die Elbphilharmonie und das Wasser.
Eigentlich verrückt, denke ich mir. Wieso habe ich mich so unsicher gefühlt, als ich unten angekommen bin? Die Konstrukteure hatten bereits 1911 alles wasserdicht gemacht und der Tunnel wurde erst vor Kurzen generalsaniert. Also kein Anlass zur Sorge. Außerdem wusste ich ja, dass es nach dem „nach unten“ laufen wieder ein „nach oben“ geben würde.
Das ist in anderen Bereichen des Lebens anders. In meiner Arbeit als Seelsorgerin habe ich es mit vielen Menschen zu tun, die im Leben ganz unten angekommen sind. Die meisten haben sich diesen Weg nicht ausgesucht. Es sind Menschen, die in einer tiefen Lebenskrise sind, deren Beziehungen zu Bruch gegangen sind, Menschen, die drohen auf der Straße zu landen. Das „unten“ sieht in unserer Gesellschaft sehr unterschiedlich aus. Diese Menschen gehen meist viele Wege, von denen sie nicht wissen, ob diese sie noch weiter nach unten ziehen oder nach oben führen. Erst rückblickend wird deutlich, wo der wirkliche Tiefpunkt war.
Mich machen solche Begegnungen zutiefst demütig. Und wahrscheinlich beschreibt Demut auch am meisten mein Gefühl beim Durchqueren des über 100 Jahre alten Elbtunnels.
Demut heißt auf Latein „humilitas“ – im Wortstamm verwandt mit „Humus“, dem guten, nahrhaften Erdboden. Der Benediktinermönch Anselm Grün bringt die Verbindung von Demut und Geerdet-sein klug zu Ausdruck, wenn er sagt:
„Für mich ist Demut der Mut, in die Tiefen meiner eigenen Seele hinabzusteigen und all das, was in mir ist, zu akzeptieren. Ich könnte auch sagen, Demut ist, mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen, nicht abzuheben, immer zu wissen, dass ich Mensch bin.“1
An Weihnachten wird Gott Mensch. Das gibt mir Bodenhaftung für mein Leben. Denn ich weiß, dass einer „vom Himmel hoch“ nach unten gekommen ist, um Frieden zu bringen: Für die Beziehungen, in denen ich stehe, und Frieden für die Welt.
In diesem Sinn wünsche ich Ihnen von Herzen geerdete und frohe Weihnachten und hoffe, dass Sie auch im kommenden Jahr mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben. Vielleicht wachsen Sie dann ja über sich hinaus.
Ihre Pfarrerin
Annegreth Schilling
1 Interview mit Pater Anselm Grün, https://www.berlinerdom.de/akt... interview-mit-pater-anselm-gruen (06.11.2024)
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