25/09/2025 0 Kommentare
Sichtweisen - Impuls
Sichtweisen - Impuls
# Ho Impulse

Sichtweisen - Impuls
Stellen Sie sich vor: Sie laufen oder fahren durch eine Straße, die Sie schon oft entlang gelaufen oder gefahren sind. Dieses Mal sind Sie aber in der entgegengesetzten Richtung unterwegs als sonst. Und plötzlich fallen Ihnen lauter Details auf, die Ihnen davor noch nie aufgefallen sind: Ein kleines Türmchen am Giebel eines Hauses, ein buntbeklebter Stromkasten am Straßenrand oder ein kleiner Kiosk, der aus der anderen Richtung immer von einem Kastanienbaum verdeckt wird.
Ich bin immer wieder überrascht, wie anders Straßenzüge oder ganze Städte aussehen, je nachdem, von wo ich auf sie schaue: aus dem Flugzeug, vom Gipfel des Feldbergs oder eben von der anderen Straßenseite als gewöhnlich.
Die Dinge sehen anders aus, je nach Perspektive, mit der man auf sie schaut. Das gilt nicht nur für Häuser und Straßen, sondern auch für Themen, über die wir als Gesellschaft diskutieren. Vor kurzem habe ich mich mit einer Einzelhändlerin über den Schutz des Sonntags unterhalten. Ich finde diesen Schutz eine gute Sache. Ich glaube, es tut einer Gesellschaft gut, wenn an einem Tag in der Woche die Läden geschlossen haben, viele Menschen nicht arbeiten und Zeit zum Durch-atmen da ist – unabhängig davon, ob man in die Kirche geht oder nicht. Meine Bekannte sieht das anders. Sie betreibt seit 30 Jahren ein kleines Bastelgeschäft. Aber wie lange noch, ist offen. Die Umsätze gehen seit Jahren zurück. Meine Bekannte erzählt, dass heute viele Menschen vor allem am Wochenende Zeit hätten zum Einkaufen, und gerade sonntags. Aber da müsse ihr Geschäft ja geschlossen bleiben. Um mit dem Onlinehandel mithalten zu können, in dem man rund um die Uhr einkaufen kann, würde es ihr sehr helfen, wenn sie auch sonntags öffnen könnte.
Das Gespräch macht mich nachdenklich. Ich finde es wichtig, den Sonntag zu schützen. Aber ich kann auch verstehen, dass meine Bekannte eine andere Sicht auf die Dinge hat. Und ich frage mich, ob es eine Lösung geben könnte, die beidem gerecht wird: der allgemeinen Sonntagsruhe und kleinen Läden, die ums wirtschaftliche Überleben kämpfen. Was wäre zum Beispiel, wenn das Sonntagsverkaufsverbot auch für den Onlinehandel gelten würde?! Falls Sie finden, das klingt verrückt: Das finde ich auf den ersten Blick auch! Aber vielleicht braucht es in dieser komplexen Welt, in der sich vieles so schnell ändert, manchmal auch verrückte und ungewöhnliche Ideen?
Die Jahreslosung für dieses Jahr ermuntert uns, die Dinge auch mal anders zu sehen: „Prüft alles und behaltet das Gute.“ Der Bibelvers stammt aus einem Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Thessaloniki. „Prüfen“, das heißt für mich: Ich sehe genau hin, ich weiß nicht immer schon von Anfang an, wer Recht hat und wer nicht, sondern ich versuche, mich möglichst unvoreingenommen auf verschiedene Sichtweisen einzulassen. Denn je nachdem, aus welcher Perspektive man schaut, sehen die Dinge eben anders aus. Und wer weiß, vielleicht entdecke ich ja etwas, das ich davor noch nicht gesehen habe? Sehe vielleicht sogar die Dinge plötzlich selbst anders? Oder ich stelle fest: Ich bleibe bei meiner Sicht. Weil es dafür gute Gründe gibt.
Ich wünsche Ihnen eine schöne Frühlingszeit, die vielleicht auch den ein oder anderen wohltuenden Perspektivwechsel für Sie bereithält!

Herzliche Grüße
Ihre Vikarin Anne Gilly
Kommentare