Musik liegt in der Luft

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# Ho Impulse

Musik liegt in der Luft

Musik liegt in der Luft

Im letzten Sommer war ich nach langer Zeit endlich mal wieder auf einem großen Konzert. Grönemeyer. Das Waldstadion rappelvoll. Drei Stunden Konzert – es war ein Fest für alle Sinne. Wie berauscht fuhr ich nach dem Konzert nach Hause und mein Kopf war ein einziges Singen und Klingen. Noch Tage später spürte ich die Musik am ganzen Körper. Immer wieder machte ich mir die Playlist an mit meinen Lieblingsliedern und sang laut mit: »Zeit, dass sich was dreht« und »Bochum, ich komm aus dir«. Obwohl viele Menschen von sich sagen, sie könnten nicht singen, war ich vom Stadiongesang dieses Abends schwer beeindruckt. Und der hallte noch viele Tage nach dem Konzert in mir nach.

Singen verbindet. Das habe ich an diesem Abend gespürt. Egal, wie schön oder wie gut jemand singen kann. Der letzte Song beim Konzert war das von mir so geliebte Lied »Der Mond ist aufgegangen«. Und ich war er-staunt: Da gab es viele, die das Lied mitsingen konnten! Egal, wenn mal ein Ton daneben lag oder eine Zeile vergessen wurde. Die Luft füllte sich mit der sanften Melodie und erfüllte das Stadion mit einem großen Gebet. Dieser Moment hat mich sehr berührt.

Yehudi Menuhin (1916 – 1999), ein großer Geiger und Virtuose sagte einmal:

»Das Singen ist die eigentliche Muttersprache aller Menschen: Denn sie ist die natürlichste und einfachste Weise, in der wir ungeteilt da sind und uns ganz mitteilen können – mit all unseren Erfahrungen, Empfindungen und Hoffnungen.«

In diesem Satz steckt für mich viel Weisheit. Ungeteilt da sein – das kann etwas sehr Befreiendes sein. Das spüre ich, wenn wir im Gottesdienst das erste Lied anstimmen. Da komme ich an, bei mir, bei Gott und lasse alle Gedanken zurück, die mich bis dahin noch beschäftigt haben. – Und dann kann ich mich durch Singen auch selbst mitteilen: Es wird etwas sichtbar, hörbar, spürbar, wie es mir geht, worauf ich vertraue und was ich hoffe.

Dafür finde ich nicht immer eigene Worte. Mir tut es gut, dass ich mir für die verschiedenen »Erfahrungen, Emp-findungen und Hoffnungen« meines Lebens auch Worte und Melodien leihen kann. In der Bibel sind Lieder und Gebete etwa in den Psalmen gesammelt, die Menschen seit über 2000 Jahren bis heute in Synagogen und Kir-chen beten. Da gibt es Klage- und Bußpsalmen, die von Scheitern und Verlassenheit sprechen (z.B. Psalm 130: »Aus tiefer Not schrei ich zu dir«) oder auch Dank- und Lobpsalmen (z.B. Psalm 98: »Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder«). Sie sind poetisch und sprechen oft eine ganz eigene Sprache. Und genau deswegen liegt in ihnen eine unglaublich große Kraft und Stärke.

In der evangelischen Tradition spielt auch das Gesangbuch eine große Rolle. Im Jahr 2024 feiern wir das 500. Jubiläum dieser besonderen evangelischen Liedsammlung, deren erste Exemplare 1523/24 gedruckt wurden. In den letzten fünf Jahrhunderten sind mehr als 7000 unterschiedliche Gesangbuch-Ausgaben erschienen und es gibt einige Klassiker, die bis heute in Gottesdiensten, bei Taufen, Trauungen und Beerdigungen gern gesungen werden wie »Lobe den Herren« oder »Großer Gott wir loben dich«. Viele dieser Lieder sind in Zeiten von Krisen entstanden und verbinden sich oft mit einer ganz persönliche Geschichte der Dichter und Komponisten. So hat etwa Paul Gerhardt (1607 – 1676) das Sommerlied »Geh aus mein Herz und suche Freud« gedichtet und darin auch eigene Schicksalsschläge wie den Tod der eigenen Kinder verarbeitet. Die 15 Strophen spiegeln das ganze Leben wider, von der Faszination über die Schöpfung Gottes über die menschliche Arbeit bis zur Hoffnung auf ein Leben in Gottes ewigem Garten.

In der Hoffnungsgemeinde spielt die Musik und das Singen eine ganz besondere Rolle. Das zeigt auch die en-gagierte Arbeit unserer drei Musiker Gerald Ssebudde, Gabriele Hierdeis und Jürgen Banholzer. Sie bereichern unsere Gemeinde auf unterschiedliche Weise durch Musik im Gottesdienst, mit dem Kinderchor und in Konzerten.

In diesen Sommermonaten wollen wir die Luft in und um die Hoffnungsgemeinde besonders zum Klingen und Schwingen bringen:

Am Sonntag, den 30. Juni feiern wir im Gottesdienst 500 Jahre evangelisches Gesangbuch und singen viele alte und neue Lieder.

Am 6./7. Juli führt der Kinderchor der Hoffnungsgemeinde das Musical zu Bileam auf.

Und die Sommerreihe unserer Gottesdienste im Nachbarschaftsraum im Juli und August steht unter dem Motto: Lieblingslieder zwischen Himmel und Erde. Unsere Predigenden werden uns ihre Lieblingssongs vorstellen – von Liedern aus Luthers Zeit bis Tocotronic.

Ich glaube, dass uns Musik besonders in diesen krisengeschüttelten Zeiten helfen kann, unsere innere Mitte wie-derzufinden. Der Geiger Yehudi Menuhin findet dafür eigene Worte:

»Wenn einer aus seiner Seele singt, heilt er zugleich seine innere Welt.

Wenn alle aus ihrer Seele singen und eins sind in der Musik, heilen sie zugleich auch die äußere Welt.«

Deshalb, egal wie gut Sie singen können: Trauen Sie sich heute ein Liedchen zu summen, eine Melodie zu träl-lern oder Ihren Lieblingshit zu schmettern. Unter der Dusche, bei der Hausarbeit oder draußen beim Spazieren-gehen. Auswendig oder als Karaoke. Singen Sie einfach drauf los! Sie werden es erleben: Singen steckt an und wird Kreise ziehen.

Herzliche Grüße

Ihre Pfarrerin Annegreth Schilling




Yehudi Menuhin, Zur Bedeutung des Singens (1999), https://il-canto-del-mondo.de/... (3.5.2024).

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