Hinter Gleis 1

Hinter Gleis 1

Hinter Gleis 1

# NBR Blog-Feed

Hinter Gleis 1

Gespräch mit Anja Wienand, Leiterin der Bahnhofsmission

 


Liebe Anja, ich hoffe du bist ab und zu mal auf Festen und auf Partys eingeladen und dann ist manchmal so laute Musik im Hintergrund und dann wirst du gefragt: „Und was machst du denn so? Was antwortest du dann?“

Ich sage dann spontan: „Ich leite die Bahnhofsmission in Frankfurt und mache das mit einer absoluten Freude!“

 

Und dann fragen die Leute vielleicht nach: „Und was macht ihr da genau“?

Es kommt darauf an, wie laut es auf der Party ist. Wenn es schnell gehen muss, sage ich: „Wir machen alles. Wir machen alles und wir sind für jeden da, der Hilfe braucht.“

 

Das ist stark! Im Wort Bahnhofsmission steckt das Wort Mission. Mission heißt auf Deutsch übersetzt Sendung bzw. Auftrag. Was ist denn eure Sendung?

Wir senden aus, dass wir Ansprechpartner sind für alle Menschen in und um den Bahnhof, die einfach in großer Sorge und in großer Not sind. Wir sind Ansprechpartner für jeden der sagt: „Ich bin gerade in einer Situation, in der ich nicht weiterweiß! Und es wäre gut, wenn ich einen Denkanstoß bekomme.“ Das sind Menschen, die zu uns kommen.

 

Ja also ein offenes Ohr und Denkanstoß, aber erwarten die Leute nicht sehr deutlich konkrete Hilfe? Also zu uns kommen auch manchmal Leute in die Kaffeestube in der Gutleutstraße und die wollen dann ein Essen, vielleicht haben sie kein Geld dafür. Es gibt Leute, die haben konkrete Ideen: Sie bräuchten jetzt ein Zimmer für die Nacht, ein Essen oder Geld für die Heimreise. Könnt ihr den Erwartungen immer entsprechen?

Natürlich kommen Menschen mit ganz großen Erwartungen zu uns. Nicht immer können wir allen Erwartungen entsprechen. Wir versuchen aber immer alles im Rahmen unserer Möglichkeiten. Das heißt, wenn jemand wirklich ein Ticket für die Heimreise braucht, dass er finanziell aus eigenen Mitteln nicht stemmen kann, dann schauen wir ganz genau auf die Situation und schauen, wie wir sie lösen können. Evtl. durch die Zusage des Sozialamtes, dass man ein Ticket für diesen Menschen lösen kann. Also wir schauen immer, was geht im Sinne des Menschen, um ihm oder ihr wirklich weiterzuhelfen.

 

Das bedeutet, ihr könnt manchmal den Erwartungen entsprechen und dann sind die Menschen sicher sehr dankbar, bei manchen müsst ihr aber auch sagen: „Sie können hier gerne einen Kaffee und ein Brötchen nehmen, aber was du wünscht, kann ich nicht bieten.“ Muss man Ja und Nein sagen können?

Man muss auf jeden Fall Ja und Nein sagen können, was nicht immer ganz einfach ist, gerade wenn das Gegenüber ein Nein nicht so leicht akzeptieren kann. Wir versuchen dann immer zu erklären und zu schauen, wie wir den Menschen in seiner Situation stabilisieren können, damit er das Nein auch akzeptieren kann.

 

Es könnte ja auch ein Nein sein, das bedeutet: Das, was du möchtest, das gebe ich dir nicht, aber ich kann dir etwas Anderes anbieten.

Genau, wir gucken, ob es eine Alternative gibt, mit der der Mensch gut mitgehen kann.

Viele Menschen leiden unter einer Suchtkrankheit. Wir reden über Heroin und Crack, aber wir reden auch über zugelassene Drogen wie Alkohol und Nikotin. In der Sucht brauchen die Menschen Geld, um das Suchtmittel zu beschaffen. Ist es nicht immer auch gefährlich Menschen Geld in die Hand zu geben? 

Wir geben kein Geld heraus. Wenn wir eine finanzielle Beihilfe gewähren, dann ist das vielleicht einmal eine Beihilfe als Wegzehrung, weil jemand eine weite Reise antritt. Aber Geld herausgeben – das tun wir nie. Dazu haben wir auch gar nicht die Möglichkeiten. Ein anderes Beispiel: Wenn jemand kommt mit einem Rezept für die Apotheke und kann die Gebühr nicht bezahlen. So etwas können wir im Notfall übernehmen, allerdings lösen wir das Rezept ein und geben dem Menschen dann die Medikamente. 

 

Ihr wart in den letzten 2 Jahren durch den Krieg in der Ukraine sehr beschäftigt mit Menschen aus der Kriegsregion, die geflüchtet sind. Was ist in der Zeit passiert?

Nun ich würde schon sagen, es war ein stückweit belastend für alle – wirklich für alle Mitarbeitenden. Wir waren vom 1.3.2022 bis zum 31.12.2023 die Erstanlaufstelle in Frankfurt am Main für die geflüchteten Menschen aus der Ukraine. Und in diesem Zeitraum waren bei uns in der Bahnhofsmission mehr als 279.000 Menschen.

 

Das ist eine unfassbare Zahl!

Das waren manchmal in 24 Stunden bis zu 2.500 Geflüchtete. Es gab Hoch-Zeiten, was besonders schwierig war am Anfang, da die Corona-Pandemie noch nicht vorüber war. Wir mussten einfach gute Wege und Abläufe finden, um dieser ganzen Situation gerecht zu werden. Aber ich glaube, auch mit Hilfe der Stadt, des Frankfurter Vereins und der Deutschen Bahn im Hauptbahnhof haben wir das gemeinsam sehr, sehr gut hingekriegt.

 

Hattet ihr in dieser Zeit personelle Verstärkung?

Ja wir hatten sofort eine personelle Aufstockung von Zusatzkräften, die uns einfach in der täglichen Arbeit unterstützt haben, sonst hätten wir diese große Zahl wirklich nicht bewältigen können.

 

Und im Jahr 2024 hat das dann aufgehört?

Die Zahl der Geflüchteten ist deutlich zurückgegangen. Es kommen hin und wieder Geflüchtete aus der Ukraine zu uns direkt hier in die Bahnhofsmission. Aber es sind einfach sehr viel weniger geworden, weil sich die Menschen selbst auch anders organisieren. Sie wissen, wo die nächste Anlaufstelle ist, weil auch schon viele Geflüchtete hier in Deutschland angekommen sind.

 

Noch ein anderes Thema: Das Bahnhofsviertel ist immer wieder in aller Munde. Es wird kritisch in der Presse berichtet, wie es vor dem Hauptbahnhof aussieht, und viele Menschen sind schockiert vom Elend und Dreck. In diesem Jahr war die Europameisterschaft und die britische Zeitung „The Sun“ hat die englischen Fans gewarnt, hierher zu kommen. Das war eine verrückte Sache. Das hängt auch damit zusammen, dass die mittlerweile überwiegende Droge Crack ist, und die hat einen ganz anderen Effekt auf die Menschen als Heroin. Wie erlebst du das?

Also die Aussage der „Sun“ hat mich sehr erschüttert. Es gibt in jeder Stadt Menschen, die eine schwere Suchterkrankung haben. Wir haben das in Frankfurt auf relativ kleinem Raum sehr geballt. Natürlich ist Crack eine Droge, die einen Menschen sehr schnell verändert und psychisch abhängig macht, und die die Verelendung Schwerstabhängiger auch sehr offensichtlich macht. Das merken wir auch hier in Frankfurt. Trotzdem ist es nicht so, dass wir hier ein Horrorviertel sind, sondern wir sind ein Viertel, das sehr gut organisiert ist, mit vielen Drogenhilfeeinrichtungen, mit vielen guten Kooperationen, und wir arbeiten hier sehr eng zusammen, immer mit dem Blick auf den Menschen, der in seiner akuten Situation Hilfe braucht.

 

Wie kannst du deine Mitarbeiter / innen immer wieder neu motivieren?

Ich muss grundsätzlich sagen, dass meine Mitarbeiter / innen sehr gut motiviert sind. Ich denke, alle, die hier in der Bahnhofsmission Tag für Tag arbeiten, die machen das mit Herzblut, weil sie einfach ihren Beruf lieben. Anders wäre es schwierig. Wenn Mitarbeiter etwas nicht so umsetzen konnten, wie sie es geplant hatten, schauen wir uns verschiedene Fälle in einer monatlichen Besprechung / Supervision noch einmal an. Ich lenke dabei dann oft den Blick auf das, was gut gelungen ist. Das motiviert die Mitarbeitenden dann sofort wieder. 

 

Danke für den Tipp. Das tut mir selbst gut. – Ihr seid eine kirchliche Einrichtung, getragen von zwei kirchlichen Trägern, dem Caritasverband Frankfurt und der Diakonie Frankfurt und Offenbach. Was bedeutet euch der Gottesdienst an Heiligabend im Hauptbahnhof, den wir miteinander feiern – auch in diesem Jahr wieder?

Der Gottesdienst ist etwas ganz Besonderes und ich freue mich jedes Jahr auf den Gottesdienst im Bahnhof auf dem Querbahnsteig mit seiner ganz besonderen Atmosphäre und den unterschiedlichsten Menschen, die ihn besuchen. Ich finde, wer das noch nicht erlebt hat, der muss das einfach einmal mitmachen, um diese besondere Atmosphäre zu spüren.

 

Ihr habt auch im Haus einen Raum der Stille oder einen Andachtsraum. Jesus hat gesagt: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern es gibt auch anderes.

Unser Raum der Stille in der Bahnhofsmission ist ein ganz besonderer Raum. Ich nenne ihn auch gerne den Ort der Ruhe, weil die Menschen kommen, weil sie wissen, hier gibt es eine Möglichkeit zum Beten. Oder sie nutzen den Raum zum Beten, wenn sie auf der Durchreise sind. Ich selbst nutze den Raum auch sehr gerne für Menschen, die in einer ganz akuten Krisensituation sind, um sie in einem besonderen Setting erst einmal zu stabilisieren.

 

Letzte Frage: Zu euch kommen viele Menschen und sagen „Hilfe“. Wo würdest du hingehen und sagen „Hilfe“, wir Helfende brauchen selbst Hilfe?

Ich würde nicht sagen, dass wir Helfende direkt Hilfe brauchen. Wir Helfende brauchen Unterstützung, um unsere Arbeit tun zu können, beispielsweise in Form von Spenden für die Bahnhofsmission. Und generell ist meine Message: Nicht wegzuschauen, wenn ein Mensch wirklich Hilfe braucht!

 

Vielen Dank für das Gespräch – alles Gute und viel Segen für eure Arbeit

(Die Fragen stellte Andreas Klein)

 

Wer sich ehrenamtlich in der mehr als 125 Jahre alten kirchlichen Einrichtung engagieren möchte, ist herzlich eingeladen, einmal reinzuschnuppern. 

Hier ist der Kontakt:

Anja Wienand

anja.wienand@diakonie-frankfurt-offenbach.de, 

Telefon 069-25493880

 

 

Die Bahnhofsmission freut sich über Ihre Spende, um ihre Arbeit direkt an der Basis zu unterstützen: 

IBAN: DE48 5502 0500 3818 0621 00

BIC: BFSWDE33MNZ

 

Dies könnte Sie auch interessieren