Von weißen Bettlaken und Engeln

Von weißen Bettlaken und Engeln

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Von weißen Bettlaken und Engeln

Wer am Wochenende über die Insel Hiddensee radelt, sieht sie im Wind flattern: Die Boten der Gastfreundschaft: Weiße Laken, Betttücher mit Blumenmuster, Handtücher in orange und gelb.

An den Leinen und Wäschespinnen hängen sie, Sonne und Wind bemühen sich, sie so schnell wie möglich zu trocknen. Samstag ist Bettenwechsel. Wer gern selbst Gäste beherbergt, weiß, wieviel Arbeit in so einem Tag steckt. Laken abziehen, zur Waschmaschine bringen, hoffentlich ist noch genug Waschpulver da, 60° einstellen und dann höre ich schon das Wasser einlaufen.

Jetzt ist Zeit die Wohnung zu saugen, den Kühlschrank auszuwischen und das Bad zu putzen. Denn gleich kommt die nächste Fähre an mit Gästen aus Berlin und Magdeburg, Dresden und Freiberg und Schwerin und Jena.

Wie schön ist es, sich nach einer langen Reise in ein frisch gemachtes Bett zu legen. Es riecht nach Gastfreundschaft: nach Wind und Sonne, nach anderem Waschpulver – und der Sand im Bett kommt zum Glück erst später dazu.

„Vergesst die Gastfreundschaft nicht“, dieses Bibelwort wird uns für diesen Sonntag mitgegeben. Das ist kein Auftrag für anonyme Bettenburgen, sondern richtet sich in der Zeit des Neuen Testaments an ein Netzwerk von Menschen, die im Geist von Jesus leben und an vielen Orten rund um das Mittelmeer eine Bleibe suchen. Einige der ersten Christinnen und Christen reisten viel umher, um die frohe Botschaft von der Auferstehung Jesu zu teilen – und da war so ein gastfreundliches Netzwerk an Übernachtungsmöglichkeiten notwendig, sagen wir: ein biblischer Vorläufer von CouchSurfing oder AirBnB.

„Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Denn auf diese Weise haben manche, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen.“

Klar, es gibt solche und solche Gäste. Mehr solche als solche. Aber dann doch auch welche, die einem selbst zum Segen werden. Das könnten Engel sein. Boten Gottes. 

Mich erinnert das Bibelwort an die Geschichte aus der Genesis, dem 1. Buch der Bibel, in dem drei Menschen Abraham und Sara in Mamre besuchen. Sie kommen unangekündigt. Als Abraham die Gäste sieht, läuft er ihnen entgegen. Er heißt sie willkommen, wäscht ihnen die Füße, Sara bäckt extra frisches Brot, Abraham holt Fleisch, Butter und Milch und sie essen gemeinsam. Erst im Nachhinein wird Abraham bewusst, dass hier Gott selbst zu Tisch sitzt. Die drei Menschen sind Engel, Boten Gottes, die Sarah und Abraham Nachkommen versprechen. Aus der Gastfreundschaft von Abraham und Sara wird ein Beschenkt-sein mit der Liebe Gottes. 

Kirchen bilden seit Jesu Zeiten ein Netzwerk für Gastfreundschaft. Ein Bekannter von mir ist als Student in den Semesterferien zu Fuß durch Deutschland gepilgert – und er wusste: Dort, wo ein Kirchturm steht und Licht im Pfarrhaus brennt, dort kann ich anklopfen und meine Isomatte ausrollen. Und meistens hat das auch so geklappt. 

Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Denn auf diese Weise haben manche, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen. Denkt an die Gefangenen, als ob ihr mit ihnen im Gefängnis wärt. Denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt in einem verletzlichen Körper. (Hebräer 13, 1-3)

Wir sollen nicht nur reiche und gutaussehende Gäste aufnehmen, die es sich leisten können zu reisen. Sondern wir sollen besonders an Menschen denken, die am Rande leben. Jenseits der Privilegien und der Zahlungsfähigkeit.

Und so denke ich bei diesen Zeilen aus dem Hebräerbrief noch an eine andere Form der Gastfreundschaft der Kirchen: Es ist die Gastfreundschaft des Kirchenasyls. Geflüchtete Menschen, die vor akuter Abschiebung bedroht sind, können in Deutschland Kirchenasyl erhalten. Das ist keine Garantie für immer in Deutschland zu bleiben, aber sie entgehen der oft kurzfristig erwirkten Abschiebung und können somit die Zeit verlängern, ein geordnetes und faires Asylverfahren in Deutschland zu erhalten. Seit Jahrhunderten sind Kirchen Orte der Zuflucht für verfolgte Menschen und die Praxis des Kirchenasyls wird Gottseidank vom Staat akzeptiert.

Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland mehr als 2250 Kirchenasyle. Orte kirchlicher Gastfreundschaft. Eine Familie davon lebte bei uns in der Innenstadt in Frankfurt am Main in der Matthäuskirche, mit vier Kindern zwischen 2 und 12 Jahren. 5 Monate lebten sie im Schutzraum der Kirche mit einem großen Kirchgarten, unterstützt von einem großen Team an Helfenden.

Das Besondere war: Im Januar diesen Jahres hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge den Härtefall und die Schutzbedürftigkeit dieser Familie anerkannt. Das kommt nur äußerst selten vor und wir konnten das Kirchenasyl der Familie frühzeitig beenden. 

„Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Denn auf diese Weise haben manche, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen.“ Boten Gottes. In diesem Fall: eine muslimische Familie aus Afghanistan. Sie haben unsere Türen geöffnet, den Zusammenhalt in unserer Gemeinde gestärkt, Sprachbarrieren überbrückt und Freundschaften entstehen lassen.

Engel haben keine Nationalität. Sie haben keine Religion. Sie haben auch kein Geschlecht, sie können Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer und Transpersonen sein. Engel sind Boten Gottes, die in meinem Leben etwas von Gottes Liebe und Barmherzigkeit spürbar werden lassen.

Als Unbeteiligte können Sie sich jetzt gern zurücklehnen und sich über dieses erfolgreich beendete Kirchenasyl in Frankfurt freuen. Doch die Weisheit der Bibel ist größer: Die Weisheit der Bibel drängt uns aus unserer Zuschauerrolle raus und setzt uns mitten ins Geschehen.

Im Wochenspruch aus dem Epheserbrief heißt es:
„So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“

Wir leben als Christinnen und Christen mit Gott unter einem Dach – nicht nur als Gäste, mal für 2 Wochen oder 5 Monate, sondern für immer. Bei Gott haben wir durch die Taufe den Aufenthaltstatus „dauerhaft anerkannt“.

Und mit dieser Zusage im Rücken können wir selbst unsere Türen öffnen: für Menschen da sein, die eine Zuflucht brauchen oder auch einfach nur ein offenes Ohr und eine Tasse Tee in einer schwierigen Situation.

Wenn Ihr also heute oder in den nächsten Tagen weiße Bettlaken aufhängt oder an flatternden Laken vorbeiradelt, dann denkt an die Praxis der Gastfreundschaft. Wir können uns gegenseitig zu Engeln werden. Engel sind Boten Gottes. Sie lassen etwas von Gottes Reich sichtbar werden mitten unter uns.

Herzliche Grüße,

Eure Kurpastorin Annegreth Schilling

Pfarrerin Annegreth Schilling ist gerade als Urlaubsseelsorgerin auf der Insel Hiddensee. Die Predigt hat sie in der Inselkirche Kloster am 19. Juli 2026 gehalten.

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