Fülle des Lebens

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Fülle des Lebens

Gottes Zusage in Höhen und Tiefen

„Christus spricht: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Johannes 10,10). Ein Bibelvers, der auf den ersten Blick leicht verständlich ist. Aber was verstehen wir eigentlich unter der „Fülle des Lebens"?

Als ich eine Weile in Uganda lebte, habe ich gemerkt, dass dies sehr von unseren Lebensumständen abhängt. Ich hatte dort mit Menschen der Mittelschicht zu tun: gebildet, mit solidem Einkommen und Zugang zu vielen Annehmlichkeiten des Lebens. Und doch verstanden wir den Bibelvers ziemlich unterschiedlich. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem materielle Sicherheit nicht in Frage stand — deswegen verbinde ich Fülle mit individueller Freiheit, Genuss oder auch Geborgenheit. Für jemanden, dessen Wohlstand jederzeit wegbrechen kann, wo es keine Krankenversicherung und kein Bürgergeld gibt, klingt dasselbe Wort wohl eher nach materiellem Überfluss.

Wer hat recht? Keiner bzw. beide. Wir lesen denselben Vers einfach aus sehr unterschiedlichen Lebenswelten heraus.

Für diese Erkenntnis muss man gar nicht in die Ferne reisen: Meine Großeltern lasen diesen Bibelvers mit den Augen, die Krieg und Hunger gesehen hatten. Ein voller Tisch, ein heiles Dach, eine ruhige Nacht — das war für sie Fülle. Wer heute Klimakatastrophen erlebt, Ernteausfall oder Überschwemmung, liest ihn wieder anders – wahrscheinlich aus einer Sehnsucht nach Nahrungssicherheit und Heimat. Und wer ständig durch soziale Medien mit dem Reichtum anderer konfrontiert wird, fühlt sich trotz eines vollen Kühlschrankes leer und sucht etwas, das sich nicht kaufen lässt.

Unsere Lebensumstände prägen, wie wir die Worte der Bibel verstehen. Das ist keine Schwäche, sondern schlicht unsere menschliche Realität.

Vielleicht meint Fülle des Lebens aber auch genau das: Gott spricht zu uns in allen Lebensumständen, in der Fülle des Lebens eben. Gottes Zusage gilt in Höhen und Tiefen, in Wohlstand und Mangel, in Frieden und Krieg gilt. Und sie beinhaltet, dass „Gerechtigkeit und Friede sich küssen“, wie es in Psalm 85,11 heißt: Gott verspricht uns eine Welt, in der niemand leidet und keiner zu wenig hat, während andere im Überfluss leben. Das ist Gottes große Verheißung und am Ende die wahre Fülle des Lebens.

Pfarrerin Charlotte Eisenberg

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