Eine (un)mögliche Rückkehr zur Normalität

Eine (un)mögliche Rückkehr zur Normalität

Eine (un)mögliche Rückkehr zur Normalität

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Eine (un)mögliche Rückkehr zur Normalität

Schon seit gut einem Jahr befinden wir uns in einer Ausnahmesituation. Das Leben und unsere Freiheit sind in einem Maße eingeschränkt, wie wir es uns vermutlich nicht hätten vorstellen können. Keine Geburtstage mit der Familie und Freunden, keine Spieleabende, keine Reisen in touristische Hochburgen, bei denen man sich insgeheim über all die anderen Touristen ärgert – nur nicht über sich selbst. Denn: Überall droht Gefahr. Vom Nachbarn, dem man hilft, die Einkaufstaschen ein paar Treppenstufen hochzutragen; vom Fremden in der Bahn oder auf der Einkaufsstraße; von den Menschenmengen auf Konzerten. 

Das alles ließ sich noch zähneknirschend verkraften, doch es waren der beste Freund, die beste Freundin, die man nicht mehr bedenkenlos umarmen konnte, um sie zu trösten, es waren die Eltern und Großeltern, die sich sehnlichst nach den Kindern und Enkeln sehnten, es waren die Engsten und Liebsten, die diese Pandemie so schmerzhaft und unerträglich machten.

Das Hygienebewusstsein hat sich in dieser Zeit stark verändert. Wir seifen unsere Hände ein, schrubben sie und löschen sie mit brennendem Desinfektionsmittel ab. Dieses Verhalten wird vermutlich auch nach dieser Krise bleiben, wenn auch nicht mehr so exzessiv. Und was ist mit unserer Angst und Scheu uns wieder zu zeigen mit Nähe und persönlichem Kontakt – wenn gerade die Isoliertheit in der Pandemie als Solidarität gewertet wurde? Wird auch das bleiben?

Wir gewöhnen uns schnell an ein verändertes Umfeld, es ist Teil unseres Überlebensinstinkts. Wir akzeptieren plötzlich, nicht mehr reisen zu können und schränken unsere Freiheit ein in der Hoffnung, sie damit noch schneller zurückerhalten zu können. 

Genauso schnell können wir uns aber wieder an die Normalität vor der Ausnahmesituation gewöhnen. Im vergangenen Sommer hat man eine Idee davon bekommen, wie eine Rückkehr aussehen könnte. Da war der Friedberger Platz oder die Alte Oper mit Menschen gefüllt, die dicht an dicht zusammenstanden, und das sogar, als noch kein Impfstoff in Reichweite war.

Wir werden schnell zu dem zurückkehren, was uns lieb ist. Gemeinsam im Chor singen, sich zum Kaffee bei der Großtante treffen oder auf dem Fußballplatz Bälle kicken. Wenn es zu Begegnungen in dieser schwierigen Zeit kam, dann erschienen sie umso wertvoller, umso wichtiger. Und es ist dieses Wissen, das sich einprägt, nicht die Angst mit einer Umarmung irreparablen Schaden anzurichten.

Dass solche negativen Gefühle schwinden und eine Rückkehr in die Normalität gelingt, ist wünschenswert und zum Greifen nahe. Doch was ist mit den vielen Dingen, die uns die Pandemie gelehrt hat und die uns während dieser Zeit wichtig geworden sind? Was ist mit dem Drang, in die Natur zu flüchten, bewusster zu leben oder weniger Alkohol zu trinken, dem Wunsch nach einem Garten oder zumindest einem Balkon? Werden wir Pflegern, Ärzten und dem Gesundheitssystem in Zukunft einen anderen Stellenwert beimessen?

Jeder hat seine eigenen Lehren aus der Zeit gezogen und wird sie vermutlich schnell wieder vergessen - was nur allzu menschlich wäre. Kehrt das normale Leben, wie wir es vor der Pandemie kannten, wieder ein, dann schwingt das Pendel vermutlich erst in die eine Richtung: schnell all das nachzuholen, was wir vermisst und verpasst haben. Doch es schwingt wieder zurück und pendelt sich vielleicht ja irgendwo ein zwischen der Freude, mit Freunden wieder vergnügt feiern zu können, und einem ruhigen Freitagabend, den man auch alleine genießen kann. 

Antonia Mannweiler

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