25/09/2025 0 Kommentare
Wer war Johanna Kirchner?
Wer war Johanna Kirchner?
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Wer war Johanna Kirchner?
In unserem Gemeindegebiet, exakt in der Gutleutstraße 319-323, liegt das Johanna Kirchner-Altenhilfezentrum – salopp, aber auch liebevoll das JoKi genannt. Träger ist die gleichnamige Stiftung, Teil der Arbeiterwohlfahrt, kurz: AWO. Die AWO feiert in diesem Jahr ihr hundertjähriges Bestehen.
Das JoKi existiert seit 1951 unter der genannten Adresse. Unter seinem Dach hat sich ein Altenhilfe- und Pflegezentrum mit Seniorenwohnanlage etabliert, das seit seinem Bestehen mehrfach erweitert wurde - inzwischen die größte Einrichtung dieser Art in Frankfurt am Main. Die AWO ist bundesweit aktiv und wurde nach dem ersten Weltkrieg gegründet. Zweck war am Anfang die Behebung der materiellen Not in der Nachkriegszeit, von der vor allem die unteren Bevölkerungsschichten betroffen waren.
Eine der Mitbegründerinnen und Förderinnen war Johanna Kirchner, die am 24. April 1889 als Tochter von Ernst Stunz, einem Schreinermeister, und seiner Frau Karoline, geborene Prinz, in Frankfurt zur Welt kam. Sie wuchs in einer "sozialdemokratischen Familiendynastie" auf. Nach Handelsschulabschluss und kaufmännischer Tätigkeit heiratete sie Karl Kirchner. Die Ehe zerbrach, aber Johanna trug den Namen des ersten Ehemannes, der ebenfalls sozial engagiert war, im weiteren Leben stets mit Stolz. Das Ehepaar hatte zwei Töchter: Lieselotte und Inge.

Johanna Kirchner baute den Verband in Frankfurt auf, legte die Schwerpunkte der Arbeit auf Sozialfürsorge und Jugendgerichtshilfe, arbeitete in der Geschäftsstelle (u.a. bei Beratungsstunden) mit und vertrat die AWO auf Kongressen und Parteiveranstaltungen. In ihren Reden engagierte sie sich für Frauenrechte und gegen den Nationalsozialismus.
Nach 1933 wurde das Leben für Menschen mit dezidiert linker Gesinnung unerträglich. Wie für viele andere blieb für Johanna Kirchner nur die Emigration, zunächst in das von Frankreich bis 1935 verwaltete Saarland und dann in den seit 1940 unbesetzten Teil Frankreichs. Dies bewahrte die Geflüchteten aber nicht vor weiterer Verfolgung, Verhaftung und Auslieferung an das damalige Deutsche Reich. Kirchners letzter Zufluchtsort war ein Kloster in Limoges. In ihrem Buch „Berühmte Frankfurter Frauen“ schreibt Edith Dörken: "Dort lernte Johanna den jungen Pater Paul Ischler kennen. Die fünfzigjährige konfessionslose Frau verband eine tiefe Freundschaft mit dem katholischen Priester. Sie fühlte sich einsam, ihre Kinder hatte sie lange nicht gesehen. Sie lebten zwei Jahre wie Mutter und Sohn, teilten ihre Sorgen und Nöte und gaben sich Halt durch den Glauben. Ohne die durch ihn erworbene Religiosität hätte Johanna wahrscheinlich nicht die Kraft gefunden, so gefasst das zu ertragen, was noch auf sie zukommen sollte."
Im Mai 1943 wurde Johanna Kirchner vom Volksgerichtshof zu einer Zuchthausstrafe von zehn Jahren verurteilt. Es erfolgte aber eine Wiederaufnahme des Verfahrens: Das Todesurteil wurde am 9. Juni 1944 Berlin- Plötzensee vollstreckt. In ihrem letzten Brief schreibt sie an ihre Angehörigen: SEID TAPFER UND UNVERZAGT, LASST EUCH VOM LEID NICHT UNTERDRÜCKEN
Heute erinnert eine Gedenktafel an der Paulskirche und der Name einer Straße in Frankfurt-Westhausen an Johanna Kirchner (1889 - 1944).
Peter Metz
*Zitiert nach: Edith Dörken, Berühmte Frankfurter Frauen, Frankfurt am Main 2008
Bilder: Quelle awo-frankfurt.com
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