25/09/2025 0 Kommentare
Neu werden
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Neu werden
Liebe Gemeinde,
das perfekte Wochenende beginnt für mich am Samstagmorgen mit einem gemütlichen Frühstück. Der Tisch ist gedeckt, der Duft von frischem Kaffee erfüllt die Luft und die frischen Brötchen liegen noch unberührt im Brotkorb. Bevor wir loslegen, singen wir in meiner Familie gern das „Großeltern-Guten- Morgen-Lied“.
Es heißt so, weil schon meine Großeltern dieses Lied gern am gedeckten Frühstückstisch gesungen haben. Und auch meine Eltern, selbst schon vielfache Großeltern, singen dieses Lied oft. Es steht auch im Evangelischen Gesangbuch (EG Nr. 440).
All Morgen ist ganz frisch und neu, des Herren Gnad und große Treu. Sie hat kein End den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.
Beim Singen erinnere ich mich daran, dass jeder Morgen die Chance ist, das Leben neu zu beginnen. Alles, was ges- tern war, was mich in der Woche be- schäftigt hat, lasse ich hinter mir. All Mor- gen ist ganz frisch und neu. Mit diesem Lied im Ohr kann mich neu ausrichten, neu werden. Das Lied macht mir auch Mut, mal etwas Neues auszuprobieren: Etwa der obdachlosen Frau vor dem Supermarkt nicht nur etwas Kleingeld zu geben, sondern ein Gespräch mit ihr zu beginnen: „Wie geht’s Ihnen heute?“ oder: „Wo haben Sie heute Nacht geschlafen?“ In so einer Begegnung kann Neues entstehen: ein neuer Blick für das Gegenüber, Verständnis füreinander, ein neues Miteinander.
Für mich beschreibt das „Großeltern- Guten-Morgen-Lied“ eine christliche Haltung, das Leben - ohne Angst vor Neuem - im Vertrauen auf Gott zu gestalten. Paulus hat diese Haltung so formuliert:
„Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Korinther 5, 17)
Ist also alles Alte schlecht? Ist nur gut, was neu ist?
Ich glaube, dass es Paulus hier nicht um eine Abwertung des Alten zugunsten des Neuen geht. Dieser Blick hat in der Geschichte der Kirche zu schlimmen Verwerfungen geführt: zum Beispiel, wo das Neue Testament als höherwertig gegenüber dem Alten Testament, der Hebräischen Bibel, angesehen wurde.
Diese antijüdischen und antisemitischen Strömungen in unserer eigenen Geschichte begleiten uns. Hier müssen wir immer wieder neu-werden.
Ich lese Paulus’ Satz eher als Ermutigung: Hab keine Angst vor Unbekanntem. Vor Veränderungen. Vor Neuerungen. Denn mit Christus, so sagt Paulus, ist eine neue Welt angebrochen: Lahme werden heil, Aussätzige rein, Blinde sehen. Das ist die Verheißung der kommenden Welt. Der Blick um uns herum zeigt, wie weit wir an vielen Stellen noch von diesem neuen Leben entfernt sind. Doch wo Menschen sich ohne Angst begegnen, wo Menschen in Frieden zusammenleben, wo Men- schen gemeinsame Lieder singen, wo Menschen Neues wagen: Da scheint die neue Welt Gottes auf.
Für Paulus ist klar: Als Christ zu leben bedeutet immer, in dieser Spannung zu leben: zwischen schon und noch-nicht, alt und neu, unerlöst und erlöst.
Neues wagen und neue Wege gehen: Das ist auch kein unbekanntes Terrain für die Hoffnungsgemeinde. Der Blick auf die Zukunft des Matthäusareals und der geplante Neubau der Kirche wird die Gemeinde in den kommenden Monaten immer intensiver beschäftigen. Und auch mit der Besetzung der zweiten Pfarrstelle durch Andreas Klein wird sich einiges verändern, wird Neues entstehen.
Ich wünsche Ihnen ein offenes Herz für alles, was Ihnen in der kommenden Zeit an Neuem begegnet: in der Gemeinde, im Alltag, im Beruf und in der Familie. Gottes Geistkraft möge Sie darin begleiten, all’ Morgen, frisch und neu.
Dr. Annegreth Schilling
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