Aufbauen

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# Ho Hoffnungszeichen

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Es war an einem Samstagabend im Sommer in einer katalanischen Kleinstadt. Wir waren dort im Urlaub und staunten, wie voll es auf einmal wurde.

Plötzlich trat unter Applaus eine merkwürdige Gruppe von Menschen auf den Platz. Leichte Kleidung, aber alle trugen ein festes schwarzes Band um den Bauch gespannt. Und dann wurde es ganz still. Die größten und stärksten aus der Gruppe traten auf den freien Platz in der Mitte und bildeten, es dürften fünf oder sechs Menschen gewesen sein, einen Ring. Sie hielten sich an den Schultern fest. Und nun stiegen weitere Menschen an ihnen empor und stellten sich im Verbund versetzt auf die Schultern dieser Menschen. Und dann ein dritter Ring und ein vierter – ich weiß nicht mehr, wie viele es waren, denn ich war wie gebannt von dem Schauspiel. Am Ende kletterte – und das machte mich vollends atemlos – ein Kind die ganze Pyramide hinauf. Ich sah dabei, wofür die schwarzen Bänder da waren, das Kind hielt sich daran fest oder trat – alle waren barfuß – mit den Füßen hinein, um aufzusteigen. Die Menschenmenge sah nicht aus der Ferne zu. Ihre Hände legten sich stützend auf den Rücken der Menschen in der ersten Reihe und stabilisierten den Ring. Das Kind war unterdessen schon ganz oben, auf den Schultern der obersten Reihe, und streckte eine Hand in die Höhe. Applaus brandete auf.

Diese Menschenpyramide heißt katalanisch »Castell«, und es gibt feste Bezeichnungen für die verschiedenen Etagen und die Zahl der Menschen, die jeweils einen Ring bilden. Die Kinder müssen mittlerweile Helme tragen. Es gab auch schon Unfälle, aber es ist erstaunlich, wie stabil dieser Menschenturm für wenige Minuten ist. Wenn jemand strauchelt, wissen die Menschen auch was zu tun ist, ohne die ganze Konstruktion zu gefährden.

Gewiss ist so ein »Castell« kein umfassendes Beispiel für gelingendes Miteinander einer ganzen Gesellschaft. Die ist noch viel komplexer und diverser und lässt sich nicht so leicht darstellen. Aber es gibt ein paar Vergleichspunkte, die nehme ich mit:

Dieser Ring steht immer nur für einen Moment und darf sich dann wieder lösen. Für diesen Moment ist jemand da, auf den kann ich mich verlassen, der stützt und trägt mich sogar. Jetzt für diesen Moment: »Halte dich an mir fest!«. Dieser Moment kann Leben retten. Nicht jedes Problem ist von Dauer und manche Lösung ist nur für diesen einen Moment lebenswichtig.

Was ganz entscheidend ist: Menschen, die gerade eine starke Last zu tragen haben oder eine Hand loslassen müssen, um einen anderen festzuhalten, werden von den anderen links und rechts gesehen und gestützt. Es geht nicht nur um die vertikale Belastung, sondern auch um die horizontale Entlastung. Wir reden in der öffentlichen Diskussion immerzu um den Streit zwischen Bürgergeld und Vermögenssteuer: Also »die da unten« gegen »die da oben«. Gesellschaft aber wird von vielen getragen und stabilisiert. Es kommt auf Jeden und Jede an!

 


»Wir sind Gottes Mitarbeiter, ihr aber seid Gottes Ackerland und sein Bauwerk.
Gott hat mir in seiner Gnade den Auftrag und die Fähigkeit gegeben, wie ein geschickter Bauleiter das Fundament zu legen. Doch andere bauen nun darauf weiter. Und jeder muss genau darauf achten, wie er diese Arbeit fortführt. Das Fundament, das bei euch gelegt wurde, ist Jesus Christus. Niemand kann ein anderes legen.«
1. Korinther 3,9-11


 

 Die Prinzipien eines Bauwerks, die Logiken der Statik, lassen sich auch auf das Miteinander einer Gemeinschaft anwenden. Nicht jeder Vergleich passt, aber mir hilft das weiter. An jedem Sonntag im Gottesdienst bietet die Hoffnungsgemeinde das an. Zuspruch und Segen – das ist immer nur eine Momentaufnahme. Und Menschen kommen, denen vielleicht gar nicht bewusst ist, wie sehr sie mit ihrer Freundlichkeit und einfachem Zuhören einen anderen Menschen froh gemacht haben. Aber sie alle bilden Gemeinschaft und halten einen anderen, der gerade eine Last hat. 

Bei den Demonstrationen gegen die AfD und jeglichen Rechtsextremismus in unserem Land, die gerade überall stattfinden, haben Menschen auch begriffen: Es kommt auf Viele an, die jetzt da sind, um mit ihrer Präsenz die Demokratie zu schützen. Jetzt ist dieser Moment, auf den es ankommt! Der Moment, an dem jeder und jede zählt!

Das Fundament für ein solches Handeln für uns Christinnen und Christen ist JESUS selbst. Seine Liebe ist die fundamentale Statik, durch die ich anderen helfen kann und gleichzeitig werde ich doch gerade selbst wunderbar gehalten. Jeder von uns ist ein Teil dieses Bauwerks. Auf dich kommt es an!

 

Ich grüße sehr herzlich

Ihr Pfarrer Andreas Klein

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