25/09/2025 0 Kommentare
Ankommen
Ankommen
# Ho Impulse

Ankommen
Erst seit ein paar Wochen bin ich Vikarin in der Hoffnungsgemeinde. Da liegt es nahe, dass ich an dieser Stelle über mein Ankommen in der Hoffnungsgemeinde schreibe und darüber, wie Menschen in unserer Gemeinde ankommen können. Doch umso länger ich über dieses Thema nachdenke, desto mehr merke ich, dass ich die Blickrichtung ändern möchte. Die zentrale Frage ist vielleicht gar nicht (mehr), wie Menschen bei uns in der Gemeinde ankommen können, sondern wie wir als Gemeinde bei den Menschen vor Ort ankommen können.
Ich habe den Eindruck, dass wir uns Kirche immer noch als ein »Zu-uns-Kommen« vorstellen. Also, dass die Kirche bestimmte Angebote an bestimmten Orten gestaltet und die Menschen dann dorthin kommen, um sie in Anspruch zu nehmen. Heutzutage kommen aber zu vielen kirchlichen Angeboten immer weniger Menschen, z. B. zum Gottesdienst am Sonntagmorgen oder zum Gesprächskreis im Gemeindehaus. Daher machen wir uns viel Mühe und viele Gedanken, wie Formate ansprechender gestaltet, wie Räume angenehmer und wie Angebote lebensnaher sein können. Das ist richtig und wichtig. Jedoch bleibt der Grundgedanke und die Erwartungshaltung: Wir gestalten hier bei uns etwas und ,die Anderen‘ müssen dann halt zu uns kommen, wenn sie mitmachen wollen.
Ich glaube, dass wir Kirche zukünftig stärker als ein »Zu-Anderen-Kommen« begreifen und gestalten müssen. Wir müssen eine aufsuchende Kirche werden, die ihre Räume verlässt und dorthin geht, wo man sie brauchen kann. Eine Kirche, die Andere fragt, ob sie mitmachen darf, und die sich von Anderen sagen lässt, wo und wie sie gebraucht wird.
Wie könnte das konkret aussehen? Wir könnten uns zum Beispiel mehr bei den Stadtteilfesten einbringen, im Gutleutviertel, Gallus oder im Westend. Vielleicht könnten wir auch andere Akteur*innen in der Nachbarschaft fragen, was sie von uns brauchen können? Wir könnten die Firma, die uns regelmäßig Geld spendet, fragen, ob wir bei ihrer Weihnachtsfeier dazukommen und uns einbringen dürfen. Haben Sie weitere Ideen, wohin wir als Gemeinde kommen sollen? Falls ja, schreiben Sie es mir gerne! Ich würde mich freuen!
Kirche stärker als ein »Zu-Anderen-Kommen« zu gestalten, erfordert zweifellos den Mut, vertraute Räume und manchmal auch die eigene Komfortzone zu verlassen. Es braucht die Bereitschaft, sich von Anderen sagen zu lassen, was zu tun ist, und auch mal nur eine kleine Rolle zu spielen und nicht im Mittelpunkt zu stehen. Außerdem muss ich sensibel und achtsam sein, wenn ich auf Andere zugehe, um nicht aufdringlich und übergriffig zu sein. Das ist manchmal nicht leicht. Auf Andere zugehen ist gleichzeitig eine Haltung, die sich für uns Christ*innen eigentlich nahelegt. Denn zugespitzt gesagt, lässt sich das ganze Leben und Wirken Jesu als ein »Zu-Anderen-Kommen« umschreiben. Das beginnt mit der radikalen Vorstellung, dass mit der Geburt von Jesus an Weihnachten Gott selbst zu uns Menschen kommt. Besonders die Adventszeit erinnert an dieses Ankommen Gottes in der Welt. Bei Kerzenschein, mit Plätzchenbacken, Lieder singen, dem Schmücken der Wohnung und dem inneren Innehalten bereiten wir uns auf Gottes Ankommen vor.
Nicht wir müssen zu Gott kommen, sondern Gott kommt bei uns Menschen an und wird Mensch, mit allem, was zum Menschsein dazugehört: Windeln, Schmerzen, Anstrengung, Freude, Einsamkeit, Freundschaft und Tod. Jesus in den Evangelien wird nicht als jemand beschrieben, zu dem man nach Hause kommt. Jesus lädt nicht als guter Gastgeber zu sich in sein gemütliches Haus ein. Vielmehr geht Jesus dorthin, wo die Menschen sind: an öffentliche Orte, in die privaten Wohnhäuser oder zu ihren Arbeitsplätzen.
Ich wünsche uns, dass wir uns inspirieren und ermutigen lassen von der Botschaft: Gott kommt zu uns. Gott wird Mensch. Vielleicht lädt gerade die Advents- und Weihnachtszeit dazu ein, das auszuprobieren – zu Anderen gehen und dort ankommen.
Ihre Vikarin Anne Gilly
a.gilly@ev-hoffnungsgemeinde.de

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